Digitalisierung

Aus für KMU.DIGITAL: Gespart wird bei den Kleinen

Im Mai hat der Wirtschaftsminister angekündigt, bei der Digitalisierung der Klein- und Mittelbetriebe konsequent weiterzumachen. Im September kam per E-Mail das Aus für KMU.DIGITAL. Ein Kommentar dazu, warum das aus meiner Sicht das falsche Signal ist.

Meine Sicht in Kürze

KMU.DIGITAL wird ab 2027 nicht fortgeführt, begründet mit dem Sparkurs im Bundeshaushalt und ohne Nachfolger. Gestrichen wird ein Programm, das laut der eigenen Evaluierung des Ministeriums wirkt und vor allem Kleinstbetriebe erreicht. Zwei Tage vor der Mitteilung hat die Regierung 750 Millionen Euro für günstigeren Industriestrom für gut 500 Betriebe auf den Weg gebracht. Hilfe für die Industrie halte ich nicht für falsch. Bei den Kleinen zu streichen halte ich für den falschen Weg.

Was ist passiert?

Dieser Beitrag ist ein Kommentar und gibt meine persönliche Meinung wieder. Die Zahlen stammen aus den Quellen am Ende des Beitrags.

Am 18. September 2026 hat die Wirtschaftskammer alle Berater:innen im Programm KMU.DIGITAL per E-Mail informiert: Das Wirtschaftsministerium (BMWET) führt die Förderung ab 2027 nicht fort. Als Grund nennt das Schreiben die Konsolidierungsmaßnahmen im Bundeshaushalt. Ein Nachfolgeprogramm gibt es derzeit nicht.

Auf kmudigital.at steht inzwischen, dass das Budget von KMU.DIGITAL 4.0 vollständig ausgeschöpft ist. Anträge auf Beratungs- oder Umsetzungsförderung sind nicht mehr möglich. Eine eigene Presseaussendung des Ministeriums zum Ende des Programms habe ich bis heute nicht gefunden.

Zur Einordnung: KMU.DIGITAL hat Betriebe in zwei Schritten unterstützt. Zuerst mit einer geförderten Beratung durch zertifizierte Berater:innen, danach mit einem Zuschuss für die Umsetzung, etwa für einen Webshop, neue Software oder IT-Sicherheit. Seit dem Start 2017 wurden laut WKÖ über 38.000 Digitalisierungsvorhaben begleitet, 95 Prozent der Betriebe waren zufrieden.

Was im Mai noch versprochen wurde

Am 7. Mai 2026 hat das Wirtschaftsministerium per Presseaussendung eine neue Förderphase von KMU.DIGITAL gestartet. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer erklärte darin, Digitalisierung sei keine Option mehr, sondern Voraussetzung, um im Wettbewerb zu bestehen. Und er kündigte an, „diesen Weg konsequent weiterzugehen“.

Die Zahlen, die das Ministerium damals selbst veröffentlicht hat: seit der Neuausrichtung im Mai 2024 rund 26.500 Anträge, rund 18.200 ausbezahlte Förderungen und insgesamt etwa 18,1 Millionen Euro Fördergeld. Über 10.000 Betriebe wurden seit dem Relaunch unterstützt.

Gut vier Monate später ist dieser Weg zu Ende. Für mich ist das ein Widerspruch, den man den Betrieben erklären müsste. Öffentlich erklärt hat ihn bisher niemand.

Ein Programm, das nachweislich wirkt

Ob ein Förderprogramm etwas bringt, muss man nicht schätzen. Das Ministerium hat KMU.DIGITAL 2023 selbst evaluieren lassen, für den Zeitraum September 2019 bis Dezember 2022. Das Ergebnis des Syntheseberichts ist eindeutig: eine klare Empfehlung der Fortführung.

Ein paar Ergebnisse daraus:

  • Rund 5 Millionen Euro Zuschuss im Modul Umsetzung standen Investitionen von 17,75 Millionen Euro gegenüber.
  • Daraus errechnet die Evaluierung 12,51 Millionen Euro Wertschöpfung und 3,96 Millionen Euro an Steuern und Sozialbeiträgen, mit der Einschränkung, dass Mitnahmeeffekte nicht beziffert wurden.
  • Mehr als drei Viertel aller Auszahlungen in der Beratung gingen an Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten.
  • 95 Prozent der Betriebe nahmen die Beratung zum Anlass, Digitalisierung im Unternehmen umzusetzen.

Die Evaluierung hat sogar empfohlen, das Budget weiter zu erhöhen, nach dem Vorbild des Digitalbonus in Bayern mit 60 Millionen Euro im Jahr, und das Programm ins Regelbudget aufzunehmen. Passiert ist das Gegenteil.

Von rund 5 Millionen Euro Zuschuss kamen laut Evaluierung knapp 4 Millionen Euro über Steuern und Sozialbeiträge zurück. Günstiger lässt sich Digitalisierung im Kleinbetrieb kaum anstoßen.

Wofür sehr wohl Geld da ist

Am 16. September 2026, zwei Tage bevor die Berater:innen vom Aus für KMU.DIGITAL erfahren haben, hat der Ministerrat ein anderes Paket beschlossen: den Ausbau des Stromkosten-Ausgleichs und einen neuen Industriestrompreis.

  • Rund 400 energieintensive Unternehmen sollen für bis zu 50 Prozent ihres Stromverbrauchs einen Preis von höchstens 5 Cent je Kilowattstunde bekommen.
  • Der Stromkosten-Ausgleich wird von rund 60 auf etwa 120 Betriebe ausgeweitet.
  • Für beide Instrumente zusammen sind für 2027 bis 2029 750 Millionen Euro vorgesehen, rund 250 Millionen Euro pro Jahr.

Fairerweise: Das Paket hat Auflagen. Die Hälfte der Mittel muss in Energieeffizienz, klimafreundliche Produktion oder Elektrifizierung fließen, und wer mehr als 2 Millionen Euro im Jahr bekommt, muss in der Regel 90 Prozent der Belegschaft halten. Finanziert werden soll es unter anderem über zusätzliche Dividenden von ÖBAG und Verbund. Das Geld von KMU.DIGITAL wandert also nicht eins zu eins in den Industriestrom.

Aber beides liegt im selben Ministerium und im selben Budgetkapitel. Und dieses Budget sinkt nicht: Die Auszahlungen für die Wirtschaft steigen laut Parlamentskorrespondenz von 1,01 Milliarden Euro 2027 auf 1,29 Milliarden Euro 2028. Gespart wird trotzdem, und zwar vor allem bei den Kleinen. Neben KMU.DIGITAL endet auch der Handwerkerbonus, und die Transformationsoffensive, aus der laut Evaluierung auch KMU.DIGITAL aufgestockt werden sollte, bekommt ab 2027 kein Geld mehr.

Wird bei den Kleinen gespart, damit es den Großen gut geht?

So formuliert ist das zugespitzt. So kommt es aber bei vielen Unternehmerinnen und Unternehmern an, mit denen ich spreche. Und die Zahlen machen es schwer, dieses Gefühl wegzudiskutieren:

KMU.DIGITAL
Rund 18,1 Millionen Euro in zwei Jahren für rund 18.200 Förderfälle, im Schnitt also etwa 1.000 Euro pro Fall.
Industriestrom und Stromkosten-Ausgleich
Rund 250 Millionen Euro pro Jahr für gut 500 Betriebe, rechnerisch knapp eine halbe Million Euro pro Betrieb und Jahr.

Was KMU.DIGITAL in zwei Jahren ausbezahlt hat, ist weniger als ein Monat Industriestrom-Budget. Und das in einem Land, in dem 99,7 Prozent der Unternehmen Klein- und Mittelbetriebe sind und fast 90 Prozent davon weniger als zehn Beschäftigte haben.

Ich verstehe, dass die energieintensive Industrie bei hohen Strompreisen unter Druck steht und dass an ihr viele Arbeitsplätze hängen. Mein Punkt ist ein anderer: Eine Regierung, die sparen muss, entscheidet, wo sie spart. Hier hat sie bei einem Programm gespart, das wenig kostet, nachweislich wirkt und genau die erreicht, die sich ohne Unterstützung am schwersten tun. Das ist eine Entscheidung über Prioritäten, keine Notwendigkeit.

Was ich in der Praxis sehe

Die Evaluierung beschreibt KMU.DIGITAL als häufig erste genutzte Förderung und als Türöffner für weitere Programme. Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Der Tischler, die Friseurin, der kleine Webshop haben keine IT-Abteilung und keine Zeit, sich durch Förderrichtlinien zu arbeiten. Fehlende Zeit war laut Evaluierung sogar noch vor dem Geld der häufigste Grund, Digitalisierung liegen zu lassen.

Die geförderte Beratung hat genau diese Hürde gesenkt: Jemand von außen setzt sich mit dem Betrieb hin, schaut sich die Abläufe an und sagt, was sich lohnt. Danach hat der Zuschuss die Umsetzung leichter gemacht. Fällt beides weg, wird die Digitalisierung nicht weniger gebraucht. Sie wird nur später gemacht, oder gar nicht.

Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Betriebe jeden Anschub brauchen können. WIFO und IHS erwarten in ihrer Herbstprognose für heuer ein Wachstum von 0,8 bis 0,9 Prozent und für 2027 von 1,0 bis 1,3 Prozent. Ein Industriestrompreis hilft dem Stahlwerk. Dem Kleinbetrieb, der seine Abläufe digitalisieren muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben, hilft er nicht.

Was ich mir wünsche und was du jetzt tun kannst

Ich wünsche mir eine ehrliche Antwort darauf, wie die Ankündigung vom Mai und das Aus im September zusammenpassen. Und ich wünsche mir einen Nachfolger, auch einen kleineren. Die Evaluierung hat den Weg schon beschrieben: ins Regelbudget aufnehmen, EU-Mittel prüfen, Beratung und Umsetzung gekoppelt lassen. Gemessen am Industriestrom-Budget wäre das ein Bruchteil.

Wenn du ein Digitalisierungsprojekt planst, verschieb es nicht wegen des Endes von KMU.DIGITAL. Das empfiehlt auch die WKÖ. Je nach Bundesland, Branche und Größe gibt es andere Förderungen, die einspringen können.

Quellen

Häufige Fragen

Kann ich KMU.DIGITAL noch beantragen?

Nein. Laut kmudigital.at ist das Budget von KMU.DIGITAL 4.0 vollständig ausgeschöpft, Anträge auf Beratungs- und Umsetzungsförderung sind nicht mehr möglich. Ab 2027 wird das Programm nicht fortgeführt.

Gibt es ein Nachfolgeprogramm?

Derzeit nicht. Das hat die WKÖ den KMU.DIGITAL-Berater:innen am 18. September 2026 mitgeteilt. Sie will sich auf Ebene der Interessenvertretung für neue Maßnahmen zur Digitalisierung der Wirtschaft einsetzen.

Was ist der Industriestrompreis?

Ein geplanter, staatlich gestützter Strompreis für rund 400 energieintensive Unternehmen: Für bis zu 50 Prozent ihres Verbrauchs sollen sie höchstens 5 Cent je Kilowattstunde zahlen. Zusammen mit dem ausgeweiteten Stromkosten-Ausgleich sind dafür 2027 bis 2029 rund 750 Millionen Euro vorgesehen.

Soll ich mein Digitalisierungsprojekt jetzt verschieben?

Nein. Prüf stattdessen, welche Landes- oder Bundesförderung für dein Vorhaben in Frage kommt. Bei fast allen Programmen gilt: Der Antrag muss vor dem Projektstart gestellt werden.

Porträt von Samy El Makarem

Samy El Makarem

Geschäftsführer der FFVA GmbH

Samy El Makarem berät Unternehmen in Österreich zu Förderungen und ist seit 2015 im Fördergeschäft. In den sozialen Medien folgen ihm über 200.000 Menschen für Förder-Tipps. Mehr über Samy

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